Ist das dieser Moment?

Im Juni 2005 habe ich in der bayerischen Provinz an einer Klosterschule meine Mittlere Reife gemacht. Bei der Zeugnisvergabe trug ich hohe, schwarze Schuhe, ein fast durchsichtiges schwarzes Top und eine damals todschicke Nadelstreifenhose. Ich fühlte mich großartig.
Die Turnhalle war festlich geschmückt und sämtliche Stuhlreihen, die wir vorher mühsam aufgebaut hatten, waren besetzt von stolzen Eltern, gerührten Großeltern, gelangweilten Geschwistern und ersten Freunden, die es kaum erwarten konnten, ihr Mädchen im Anschluss zu küssen. Bei mir war es meine Freundin, die fast das gleiche trug wie ich.
Das Rahmenprogramm umfasste Darbietungen sämtlicher Musik-AGs und in der Pause wurde die Schülerzeitung verkauft. Es wurden unzählige Reden gehalten. Der bei uns Schülerinnen verhasste Rektor, die beliebte Konrektorin, die Schul-Nonnen und Klassenlehrerinnen. Es wurde spät. Als es endlich an die eigentliche Zeugnisvergabe ging, wurden zu jeder Schülerin (immerhin etwas über 100) ein paar Worte gesagt. Louisa Müller hatte als Schwerpunkt den naturwissenschaftlichen Zweig gewählt, war unter anderem im Chor und spielte Schlagzeug in der Schulband. Im September beginnt sie ihre Ausbildung als Bankkauffrau bei der Sparkasse. Katharina Wittler, Schwerpunkt Sprache, möchte später einmal Fremdsprachenkorrespondentin werden.  Corinna Hasenbrot, Schwerpunkt Hauswirtschaft, beginnt ab August eine Lehre als Köchin bei ihren Eltern. Jezabel Botanica hat den Wahlpflichtbereich III/Kunst gewählt, hat als Chefredakteurin die Schülerzeitung betreut, war Mitglied im Chor und der Schlagzeug-AG, wechselt im Herbst an die FOS um später einmal Journalistik zu studieren.
Das Zeugnis wurde uns in die Hand gedrückt, man applaudierte. Am Ende wurde ein Gruppenfoto gemacht und viele einzelne Fotos von Freundinnen, die sich ewige Treue schworen und den Kontakt verloren, sobald sie der Kleinstadt den Rücken gekehrt haben.

Was ich im Anschluss nicht tat war, dass ich an die FOS wechselte. Dafür arbeitete ich einer Buchhandlung, machte eine Ausbildung als ReNo. Stolperte vor mich hin. Als ich 2014 mein Abitur nachholte, gab es keine offizielle Zeugnisvergabe.  Der Schulleiter sprach ein paar Worte, gratulierte uns – und entließ uns dann. Es gab dennoch eine Abschlusszeitung. Darin wurde jeder vorgestellt und Kommentare von Mitschülern abgedruckt. Bei mir stand: Jezabel wird Germanistik und Englisch studieren um später als Journalistin zu arbeiten. Ich wünsche ihr alles Gute!

Es wurde Rechtswissenschaft.

Jetzt drei Jahre später, studiere ich tatsächlich Germanistik… und  Tyche scheint mich unter ihre Fittiche genommen zu haben.

Anfang April wurde in unserer Hochschulgruppe auf Facebook von einer Kommilitonin aus dem höheren Fachsemester eine Stellenausschreibung gepostet. Eine Zeitung in der Unistadt sucht eine studentische Hilfskraft. Welche Zeitung es war, stand da nicht. Ich habe sie dennoch meinen Lebenslauf weiterleiten lassen – und danach nichts mehr gehört. Bis zum letzten Donnerstag. Plötzlich hatte ich eine Mail in meinem Postfach. Man suche zwar keine studentische Hilfskraft mehr, aber eine Jungredakteurin. Mein Lebenslauf hätte sie sehr angesprochen, mein Profil würde sehr gut zu ihnen passen und man möchte mich gerne zu einem persönlichen Gespräch einladen. Als ich die Zeitung, das Journal, googlete, war ich extrem überrascht.  Aktien, Fonds… Börse.
Am Freitag hatte ich das persönliche Gespräch. Verschwitzt von der Uni, verärgert über meine Krankenkasse und außer Atem, weil ich einer Bahn hinterhergejoggt bin, kam ich völlig derangiert an. Wir unterhielten uns. Ich erzählte von meinem Studium, meinen Plänen. Erwartete nicht viel, schließlich war die Jungredakteurstelle Vollzeit und ich kann maximal Teilzeit. Dann das Angebot. Ich arbeite einmal Probe. Wenn das passt, bekomme ich eine Stelle als Werkstudentin mit Option auf Festanstellung als Redakteurin, sobald ich den Bachelor in der Tasche habe.

Das Probearbeiten war gestern… vor mir liegt der Vertrag. Ich muss nur noch unterschreiben.

Sollte sich jetzt tatsächlich, nach 12  Jahren, erfüllen, was damals auf meiner Zeugnisvergabe verkündet wurde?

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2 Gedanken zu “Ist das dieser Moment?

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