Kurzgeschichte

Ich habe die dünnen Seiten der Tageszeitung auf dem gelben Teppichboden ausgebreitet und rote Kringel um die Artikel gemalt, die ich ausschneiden will. Die stumpfe Schere reißt sich durch das dünne Papier und hinterlässt unsaubere Kanten, die ich später sorgfältig umknicken und festkleben werde.
Ich liebe das Gefühl des dünnen, knisternden, bedruckten Papiers unter meinen Fingerspitzen. Generell mag ich Papier sehr gerne.
Normales, industriell gefertigtes Papier wird hauptsächlich aus Zellstoff gefertigt. Die Cellulosefasern, von wenigen Millimeter bis zu einigen Zentimeter Länge, werden von Hemicellulosen, Harzen und anderen Pflanzenbestandteilen getrennt, mit Wasser versetzt und zerfasert. Den so entstandenen Brei gibt man auf ein Sieb und presst das überschüssige Wasser heraus, während man das Sieb ständig hin und her bewegt um die Fasern zu verdichten. Bei Zeitungspapier wird noch Lignin hinzugefügt, was dafür sorgt, dass es aufrecht steht ohne dass die Seiten so schnell umknicken. Zudem ist Lignin zusammen mit Druckerschwärze zuständig für diesen typischen Zeitungsgeruch, den ich jeden Morgen tief inhaliere, und der mir ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt.
Lignin beschleunigt jedoch auch das Vergilben und obwohl es für die meisten Zeitungsleser kein Problem darstellt, weil sie die Zeitung am Ende des Tages sowieso in den Papiermüll werfen, ist es das sehr wohl für mich.
Die ausgeschnittenen Artikel besprühe ich hauchdünn mit einer Mischung aus Calciumcarbonat und Wasser, bevor ich sie in ein in italienisches Buntpapier gebundenes Album klebe. Mittlerweile habe ich drei solcher Alben, jedes davon mit 64 schwarzen Seiten, auf die jeweils im Schnitt drei Zeitungsartikel kommen. Ab und zu ist aber auch ein großer Artikel dabei. Dann bekommt er eine Doppelseite. Letzte Woche war so einer in der Tagespresse.
Die ersten drei Artikel in der Regionalpresse habe ich verpasst. Damals vor acht Jahren. Etwas, das mich noch immer maßlos ärgert. Ein Nachdruck bei der Zeitung hätte je zwölf Euro gekostet, aber vielleicht hätte man Fragen gestellt und Fragen beantworte ich grundsätzlich nicht.
Manfred hat einmal vorgeschlagen, ich könnte die Zeitung online abonnieren. Als App. Oder auf einer App lesen. So ganz genau habe ich es nicht verstanden. Aber er meinte, das hätte durchaus Vorteile für mich. Ich hätte Zugriff aufs Archiv und könnte fehlende Artikel ausdrucken. Ich müsste die Zeitungsartikel nicht mehr konservieren und die Reste auf dem Kompost entsorgen, damit die neugierige Agnes von nebenan sie nicht im gemeinsamen Müll findet und Fragen stellt. Manfred ist pragmatisch veranlagt. Das hat er von seinem Vater. Fleischermeister. Beide lieben einen schnellen, klaren Schnitt und achten dabei gleichermaßen auf Sauberkeit und Effizienz.
Manfreds Vater starb vor acht Jahren aufgrund seiner Vorliebe für Schwammerlgerichte und seines schwachen Herzens. Letzteres liegt in der Familie. Manfred hat es auch. Die Pilze hatte er selbst im Wald hinterm Haus gesammelt. Allerdings war seine Ausbeute etwas dünn und so war ich ebenfalls noch einmal sammeln. Die Schwammerl habe ich dann mit einer leckeren Weißwein-Sahnesoße zubereitet. Ich persönlich mag ja keine Pilze. Die Konsistenz gefällt mir nicht und so gab es für mich ein dunkles Brot mit Butter, geräuchertem Speck und Apfelschnitzen. Mein Mann hat mir noch ein Glas Wein und sich selbst ein Helles eingeschenkt und wir haben gemeinsam vor dem Fernseher gegessen. Ich glaube, es lief der Musikantenstadl mit dem feschen Florian Silbereisen.
Der nette Pathologe hat mich später aufgeklärt, dass ich wohl den ein oder anderen Falten-Tintling mit zubereitet hatte. Eine Pilzart, die in Verbindung mit Alkohol giftig ist und was die violette Hautfarbe meines Mannes am Ende seines Lebens erklärte. Sein Sarg wurde geschlossen aufgebahrt.
Der Pathologe hat mir tröstend die Hand auf die Schulter gelegt und mir geraten, in Zukunft keine selbst gesammelten Pilze mehr zuzubereiten. Es gäbe auch im Supermarkt viele leckere Schwammerl, die man hervorragend mit einer Riesling-Soße in der Pfanne machen könne. Er gab mir das Rezept seiner Großmutter.
Jedenfalls habe ich Manfred gesagt, das mit der digitalen Zeitung käme überhaupt nicht in Frage. Ich liebe den Geruch von Zeitungspapier und das will ich mir nicht versagen. Außerdem ist es durchaus ein Unterschied, ob man den Artikel auf Zeitungspapier hat, oder auf normalen Kopierpapier. Das mag für jemanden der keine Ahnung davon hat nicht nachvollziehbar sein, aber es ist halt so. Allein das Gefühl unter den Fingerspitzen taugt mir nicht. Das habe ich Manfred gesagt und er hat nur die Augen verdreht. Dann ist er in sein Zimmer.
Als es vor acht Jahren anfing, habe ich noch jeden Artikel in jeder der fünf verschiedenen Tageszeitungen, die es im hiesigen Supermarkt gibt, gesammelt, aber mit der Zeit wurde die ganze Sache zu ausufernd und jetzt beschränke ich mich auf die regionale Zeitung – man will seiner Heimat ja treu sein und die hiesige Presse unterstützen. Gerade jetzt in Zeiten des Internets.
Das Problem ist, das Manfred ebenfalls eine tiefe Verbundenheit zu seiner Heimat verspürt. Manchmal wünschte ich mir, er würde auch einmal über den Tellerrand gucken, mal in den Nachbarort fahren. Zum Schützenfest nach Reichertshofen zum Beispiel, oder zur Dult nach Adelschlag. Ingolstadt hat einmal im Jahr ein Volksfest, das wäre doch was. Dort dürfte es doch auch hübsche Deandl geben.
Manfred mag blonde Deandl. Kleine, fesche, blonde Frauen, fast noch Mädchen.
In den drei Artikeln heute geht es um Johanna Gabler, Agnes’ Tochter.
Johanna grüßte immer nett, wenn ich sie morgens beim Bäcker getroffen habe. Hatte die Haare zu Zöpfe zusammengenommen. Links und rechts hinterm Ohr. Letzten Sommer hatte sie eine Ausbildung zur Arzthelferin begonnen, bei Dr. Huber, meinem Zahnarzt. Vergangenen Dienstag noch hat sie mir einen schnellen Termin besorgen können, weil ich sonst den Stempel in meinem Bonusheft nicht bekommen hätte. Und Zahnersatz ist später einmal sehr teuer. Noch brauche ich ihn nicht. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Vorsorge ist wichtig.
Gestern war die Polizei bei der alten Gabler. Sie hat schrecklich geweint. Ich musste das Fenster schließen, dabei war es besonders warm und ein Durchzug hätte die Wohnung gekühlt.
Ich bestreiche das dünne Papier mit Kleister und klebe es auf das schwarze Papier des Albums. Sorgfältig streiche ich die Ecken glatt und gehe sicher, dass man die ausgefransten Schnittkanten nicht sieht. Danach nehme ich einen silbern glitzernden Klebestift und hübsche die Seite mit Schnörkel auf. Das hat mir die Gabler gezeigt. Nennt sich Scrapbooking. Sie hat das aus dem Internet. Es ist recht hübsch anzuschaun.
Fast bin ich traurig, dass es heute der letzte Artikel sein wird, den ich einklebe. Aber Manfred hat mich überzeugt, dass die Alben keine gute Idee sind. Falls doch jemand mal Fragen stellt. Dabei ist es doch ganz normal, dass man Zeitungsartikel über den Sohn sammelt, auch wenn sein Name nicht ein einziges Mal genannt wird.
Jedenfalls wird es der letzte Artikel sein. Es gibt heute Schwammerl mit Portweinsoße und Spätzle. Ich war im Wald sammeln.

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