Der Fall Tugce Albayrak und die Jurastudenten.

Nach einem Semester Strafrecht-AT sind wir mittlerweile fest im juristischen Denken angekommen.

Die Nachrichten werden nicht mehr einfach nur gelesen und mit „Furchtbar sowas“ kommentiert, nein, es wird überlegt und getüftelt, probiert und analysiert und es wird schonmal versucht ein Gutachten darüber anzufertigen.

Die ELSA (The European Law Students’ Association) bietet in manchen Städten Tatortabende an, bei denen erst der Tatort geguckt und die dort auftauchenden rechtlichen Probleme im Anschluss besprochen.

Oder man ist wie ich in einer WhatsApp-Gruppe voller Mädels die gerne quatscht und diskutiert. Dann kommt nämlich schonmal so etwas wie beim Fall der Lehramtsstudentin Tugce Albayrak heraus:

In einem Artikel wird der Verlauf des Geschehens etwa so dargestellt:

Tugce wurde von dem Täter geschlagen, daraufhin stürzte sie zu Boden und durch den harten Aufprall auf den Asphalt hat sich ihr Ohrring in den Schädel gebohrt, was wahrscheinlich zu ihrem Tod geführt hat.

Im Artikel wird eindeutig auf § 227 StGB (Körperverletzung mit Todesfolge) hingewiesen.

Eine Kommilitonin hat daraufhin fleißig bei Facebook kommentiert… Sie sieht darin einen Atypischen Kausalverlauf. Daher geht sie von folgendem Strafmaß aus: „Höchstens fünf Jahre nach Erwachsenenstrafrecht, eine deutliche Minderung nach Jugendstrafrecht, wovon auszugehen ist).
Sie geht in einem weiteren Kommentar auch von fahrlässiger Tötung aus. (§ 222 StGB)

Wir Mädels aus der WhatsApp Gruppe sehen das ganz anders…

Zusammengefasst sehen wir kein Problem in der Kausalität. Der Typ hat sie geschlagen, sie wurde aufgrund des Schlags ohnmächtig und ist hingefallen. Ob jetzt der Boden oder ein Stein auf dem Boden oder eben der Ohrring für die tödliche Verletzung eingetreten ist… Ursächlich war der Schlag und der Ohrring war von Anfang an da. Es ist also nichts in den Kausalverlauf „eingetreten“, was den Verlauf hätte ändern können 
(Als Lehrbuchbeispiel hatten wir für einen atypischen Kausalverlauf folgendes Beispiel: B will A töten und schubst ihn vor einen Wagen. A ist jedoch nur schwer verletzt und wird von einem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren. Allerdings wird der Krankenwagen kurz vor der Ankunft von einem Blitz getroffen woraufhin A stirbt.)

Außerdem ist es rechtlich missbilligt, andere Menschen zu schlagen.

Beim Vorsatz würden wir eine bewusste Fahrlässigkeit annehmen. Er hat schließlich auf sie gewartet und dann so fest geschlagen, dass voraussehbar war, dass sie dabei verletzt wird. Zumindest die Verletzungen im Gesicht durch den Schlag waren ja offensichtlich.
Allerdings wäre ich nie im Leben auf die Idee gekommen, dass sich der Ohrring in den Schädel bohren könnte. Diese Todesursache hätte ich eher einem Drehbuchschreiber von Bones in die Schuhe geschoben…
Auch würde ich dem Täter eine Tötungsabsicht absprechen, da die Lehrbücher ja ausdrücklich darauf hinweisen, dass es eine hohe natürliche Hemmschwelle bei Tötungsdelikten gibt.

Also wir kämen zu dem Schluss, dass der Täter sich der Körperverletzung mit Todesfolge strafbar gemacht hat.

Oder sehen wir das falsch, was den Kausalverlauf angeht?

Heute wurde ja bekannt gegeben, dass die Anklage tatsächlich auf Körperverletzung mit Todesfolge lautet.

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5 Gedanken zu “Der Fall Tugce Albayrak und die Jurastudenten.

  1. Nun, meiner Meinung nach müsste ein Gutachter prüfen, ob sie durch den Sturz zu Tode gekommen wäre. Dass sich der Ohrring durch den Schädel gebohrt hat, das konnte der Täter ja nicht wissen. Meiner Meinung liegt schon ein atypischer Kausalverlauf vor, ich selbst wäre jedoch niemals drauf gekommen 😀

    *Definition zum atypischen Kausalverlauf: Ein atypischer Kausalverlauf ist gegeben, „wenn der eingetretene Erfolg völlig außerhalb dessen liegt, was nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung noch in Rechnung zu stellen ist“

    1. nun ja, das Frauen Ohrringe tragen ist nach der allgemeinen Lebenserfahrung sehr wohl der Fall. Ebenso, dass wenn man jemanden sehr fest schlägt, insbesondere wenn diese Person eine Frau ist, die geschlagene Person zu Boden geht. Der eingetretene Erfolg ist ja der Tod des Mädchens. Dieser ist jedoch nicht völlig außerhalb dessen, was „typischerweise“ nach einem Faustschlag passiert. Jeder weiß, dass schon allein ein gut gezielter Schlag gegen die Schläfe zum Tod führen kann. Schon allein nach der conditio-sine-qua-non-Formel ist hier die Kausalität gegeben. Hätte der mutmaßliche Täter Tugce nicht geschlagen, wäre sie nicht gestürzt und wäre folglich nicht gestorben.
      Daher sehe ich, wie gesagt, keinerlei Probleme bei der Kausalität. Höchstens bei der objektiven Zurechnung könnte man da anders argumentieren. Allerdings setzt die objektive Zurechnung voraus, dass der Täter in verwertbarer Weise das Risiko eines Erfolgseintritts geschaffen hat und sich gerade dieses Risiko auch konkret im Erfolg realisiert hat.
      Der mutmaßliche Täter hat mit seinem festen Schlag die verbundenen Gefahren, wie etwa Kopfverletzungen beim Aufprall auf den Boden, in vorwerfbarer Weise geschaffen. Konkret realisiert hat sich diese Gefahr nun aber auch, da der Ohrring ja nicht urplötzlich da war, sondern vom Opfer die ganze Zeit getragen wurde. Und das Ohrringe bei Unfällen oder Schlägereien zu Verletzungen führen können, ist ebenfalls bekannt, wenn auch meist in ausgerissenen Ohrringen.

      Zur Kausalität hatten wir noch folgendes Lehrbuchbeispiel.
      A schießt B nieder. B ist jedoch nicht tot, sondern wird von einem Krankenwagen Richtung Krankenwagen transportiert. Der Fahrer des RKW fährt aufgrund der schweren Verletzungen des B zu schnell und verursacht einen Unfall und B stirbt.

      Laut Lehrbuch ist dem A der Tod zuzurechnen. Hätte er den B nicht niedergeschossen, hätte dieser nicht im Krankenwagen transportiert werden müssen und der Fahrer hätte nicht rasen müssen aufgrund der lebensgefährlichen Verletzungen…

      Außerdem wäre es ja eine ungemeine Besserstellung in dem Fall die Kausalität zu verneinen und in einem anderen Fall, wo der angeschossene Typ bei dem Verkehrsunfall zu Tode kommt, weil der Sanitäter die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht beachtet aber sagt das ist kausal.

    1. macht man ja nicht absichtlich.. man liest das… und da macht man sich dann automatisch Gedanken und spricht darüber. und makaber? Wieso? Der mutmaßliche Täter wird einen Anwalt haben… und beide… der Anwalt wie auch der Staatsanwalt werden über solche Themen diskutieren und der Richter entscheiden. Und über alles wird ausführlich in den Medien berichtet.
      Jeder bildet sich doch eine Meinung, wenn er die Meldungen liest. Ist das dann nicht makaber?
      Und als „Übungsfall“ betrachten wir das nicht.

  2. Ich finde es toll, dass ihr so Sachen diskutiert. Das fehlt mir sehr, da ich kaum Kontakt zu MitstudentInnen habe. Nur beim monatlichen Stammtisch (yeah, morgen ist es wieder soweit), aber da sind StudentInnen aus allen Semestern.

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