Über angemessenes Trinkgeld

Die Frage kam auf: Wie viel Trinkgeld ist angemessen… 

Das ist nicht ganz so einfach zu handhaben.
Wir sind ein gehobenes Restaurant. Selbst ein Glas Wein ist nur selten im einstelligen Bereich zu bekommen. Die Küche kocht ausschließlich mit frischen Produkten und aufwendig. Wir Kellner geben stets auch unser bestes. Das müssen wir, damit wir eine für den Gast angenehme Serviceleistung erbringen können.

Das TG sollte sich immer leicht an die Rechnung orientieren. 10 % wären optimal, aber ab einem bestimmten Rechnungsbetrag scheint es schon arg üppig.

Aufrunden kann man ruhig… wenn der Rechnungsbetrag einen Kaffee nicht übersteigt.

Ansonsten sind pro Gast 2 – 3 Euro Trinkgeld völlig okay. Bei einem 5er Tisch wäre, unabhängig von der Rechnungssumme, schon 10- 15 Euro insgesamt an TG sehr schön und die Kellnerin / der Kellner freut sich. Bei Sternelokalitäten würd ich persönlich allerdings mehr geben 😉

Bei Taufen, Hochzeiten oder anderen Veranstaltungen mit vielen Gästen kann man als Gastgeber seine Gäste aber auch auffordern, für das Personal den einen oder anderen Euro zu sammeln. Ein Schweinchen oder ein Korb sind dann schnell mit ein paar Euro gefüllt.

Wenn man die Kellnerin umrennt und sie sich dadurch eine Bluse mit Spezi ruiniert, ist ein „Entschuldigung“ das angemessenste und vielleicht die Frage, ob man die Reinigung übernehmen soll. Höchstwahrscheinlich wird sie „nein“ sagen. Auf keinen Fall sollte man weiter rennen.

Und etwas, was wirklich sehr viel wichtiger als Trinkgeld ist, ist Höflichkeit. Nur weil da ein junges Mädchen oder ein junger Mann das Essen auf den Tisch stellt, den Wein einschenkt und nach deckt, nachschenkt, sich darum bemüht, dem Gast einen schönen Abend zu bereiten, heißt es nicht, dass sie / er als „niederes Wesen“ kein Bitte oder Danke verdient und man ihr / ihm die Bestellungen einsilbig entgegen schleudern kann á la „Radler!“ „Spezi“ oder „Ramazotti!“. Ansonsten wird aus dem Trinkgeld statt einer kleinen Belohnung schnell eine Entschädigung für einen richtig scheiß Arbeitstag. Man weiß ja auch nie, ob die Kellnerin, der Kellner das nicht als Nebenberuf macht um sich das Studium der Medizin zu finanzieren.

Unvergessen ist da Lottas Auftritt vor ein paar Wochen. Ein Gast hat sie wirklich bös von der Seite angemacht. Lotta stemmte einfach nur die Hände in die Hüften, sah den Gast streng an und sagte: „Kommen Sie mal später ein meine Notaufnahme!“ 

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12 Gedanken zu “Über angemessenes Trinkgeld

  1. Wahrscheinlich werde ich jetzt gleich als geizig verschrien. Aber mir mutet es immer etwas seltsam an, wenn das Trinkgeld quasi nach festen Regeln quasi schon vorgegeben ist. Dann kann man es ja gleich analog den Italienern auf die Rechnung schreiben.

    In der Schweiz ist es gesetzlich gesehen sogar so, dass das Trinkgeld im Preis inbegriffen sein muss.

    Natürlich hält es auch mich nicht davon ab, je nachdem Trinkgeld zu geben. Aber wieviel, das hat freiwillig zu sein, und nicht schon vordefiniert. Und diese grundsätzliche Erwartungshaltung finde ich daneben. Es bleibt mir als Gast überlassen, ob ich mit dem Service zufrieden war, so dass ich ein Trinkgeld gebe, und das sollte nicht selbstverständlich sein.

    1. klar, wenn der Service schlecht ist, braucht man gar nichts geben. Und solche „Zustände“ wie in der Schweiz oder bei manchen KreuzfahrtVeranstaltungen haben wir hier ja nun wirklich nicht. In Deutschland gibt es ja nichtmal einen wirklichen Richtwert, was man gibt.
      Aber gar kein Trinkgeld ist in gehobenen Restaurants meist unangebracht. Denn so schlecht kann der Service gar nicht gewesen sein, sonst wären die Kellner in solchen Etablissements nicht angestellt. Da wird gut aussortiert. Und wenn sich insgesamt 10 Personen um eine Hochzeitsgesellschaft kümmert, in der Küche, im Service, dann ist 0 Euro Trinkgeld ein Faustschlag ins Gesicht mit Nachtreten.

    2. Das mit der Freiwilligkeit ist so eine Sache. In den USA verdienen die Kellner gerade mal minimum wage und dort ist Tip auch „freiwillig“, JEDER gibt dort aber MINDESTENS 15% Tip, auch wenn der Service schlecht war. Und ich finde, dass man das schon übertragen kann auf Deutschland – ok gut, man könnte jetzt sagen, dass die schlecht bezahlten deutschen Kellner kein Trinkgeld brauchen, weil sie die Möglichkeit haben mit Hartz4 aufzustocken, wenn das Gehalt nicht reicht….aber man muss es nicht sagen.

      1. Da ist für mich das Trinkgeld der falsche Ansatz.

        Irgendwie erscheint mir das auch so typisch deutsch, das solche Dinge nicht an der Wurzel gekappt und behoben werden (Nein, kein Mindestlohn für alle, aber Gesamtarbeits-Verträge im Gewerbe, die das abdecken) und das entsprechend absichern. Das liegt an eurem Politsystem (Konkurrenz statt Konkordanz), zumindest habe ich diesen Eindruck.

        Oder aus anderer Sicht:

        Nimm Dir das Hochzeitspaar von letzter Woche. Es ist doch denkbar, dass das Hochzeitspaar nicht besonders vermögend war. Unabhängig vom Stil der Hochzeit nun haben die sich gedacht, einmal gönnen wir uns etwas, und heiraten im grossen Stil, mit teurem Lokal. Die sind finanziell mit der Bezahlung der Rechnung schon voll am Anschlag, woher soll dann noch das Trinkgeld kommen? Also bezahlt man keines. Kann ich ehrlich gesagt irgendwie auch verstehen.

        1. Ja natürlich das Grundproblem wird damit nicht behoben, da stimme ich dir vollkommen zu!

          Genau so, wie ich nur, wenn ich sie mir finanziell leisten kann, Kinder bekomme, heirate ich nur, wenn ich, neben der Tatsache, dass ich davon überzeugt sein müsste, dass ich mich nicht in 1 Jahr wieder scheiden lassen werde, mir eine Hochzeit finanziell leisten kann.
          Wenn ich mit der all inklusive Rechnung schon finanziell am Anschlag bin, dann kann ich eben nicht heiraten, weil ich nicht wegen einer Hochzeitsfeier verschulden möchte oder ich muss schauen, wo ich sparen kann (und wenn die Gäste sowieso alle schlechte Laune haben, na dann sollte man vielleicht bei denen sparen und sie gar nicht erst einladen 😉 ).

          Ich wurde beispielsweise so erzogen, dass man immer etwas Trinkgeld gibt, aber (ich bin ja vor Kurzem in den Westen gezogen) ich sehe auch, dass es Menschen gibt, die gar nicht auf die Idee kämen Trinkgeld zu geben und sich dabei nicht mal schämen. Nicht, dass sie das müssten, denn sie kennen es nicht anders. Auf einer Hochzeit jedoch ist das doch etwas anderes, finde ich persönlich.

          Klar, wenn vorher nicht kommuniziert wird, dass das Trinkgeld nicht inbegriffen ist, dann ist das für den Wirt ein Eigentor. Vielleicht dachten die ja wirklich, es wäre im preis drin. Andererseits: Wenn ich oder meine Gäste sich so benehmen würden, wäre das Trinkgeld bei mir schon Wiedergutmachungsgeld. Und da sind wir wieder beim Thema „die niederen Wesen“, denn das ist lerttlich auch eine Frage des Respektes vor der Arbeit anderer.

  2. Hm um mal wieder etwas kapitalismuskritisch zu werden: gehobenes Restaurant, EIN GLAS Wein zweistellig, aber das Personal verdient nicht mal nen 10er die Stunde?

  3. PS: Das mit dem niederen Wesen kenne ich auch allzu gut aus meinen Supermarktzeiten. Da erklärte ein etwa 12jähriger seinem Prollo- Vater großspurig, dass an der Kasse ja eh nur Hartz4 Empfänger sitzen…. . Nach dem Echo meinerseits habe ich beide dann nie wieder an meiner Kasse gesehen und ich war dort danach noch etwa 4 Jahre. 😀

  4. Ich gebe normalerweise schon Trinkgeld, 10% bei normal gutem Service, mehr bei mehr als normal gutem Service, weniger bei schlechtem Service. Einmal habe ich wegen unterirdisch miesem Service keinen Cent gegeben.
    Bei großen Veranstaltungen wie Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten bin ich allerdings überfordert – da hilft mir Deine Anleitung spätestens bei meinem nächsten Runden im Herbst weiter.

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